Ausgabe Nr. 102
Renate Lechner plaudert mit Karl Charly Blecha
Interviewtext
Renate Lechner plaudert mit...
Liebe Augustin-Freunde! bannt hat, hat dem Wienerlied einen ungeheuerlichen Diesmal darf ich mit einem österreichischen „Urgestein" Stoß versetzt; weil die jungen Leut' das Wienerlied ja gar plaudern, allein dessen bisheriger Lebenslauf die zur Ver- nicht mehr kennen. Vielleicht vom Heurigen, aber früher fügung stehenden Seiten unserer Wienerlied-Zeitung, wie man es aus meiner Jugend noch vom Radio gekannt sprengen würde. Karl „Charly" Blecha, Politiker, Soziolo- hat, das ist verschwunden und das ist ein kulturelles Ver- ge, geb. am 16. April 1933, war u. a. Bundesminister für brechen! Inneres (von 24. Mai 1983 bis 2. Februar 1989) und ist nun
RL: Leider! Ich habe vor Jahren an den ORF geschrieben, Präsident des Österreichischen Pensionistenverbandes weshalb das Wienerlied nicht mehr präsentiert wird. Die sowie Präsident der Europäischen Seniorenorganisation. Antwort war, „dass das Wienerlied für eine zu vernachläs-
RL: „Sonnengott", Bruno Kreisky, sagte einmal treffend sigende Minderheit gespielt würde". über dich: „Alle sind ersetzbar, auch ich. Nur der Genosse CB: Das ist eine Minderheit geworden, weil es im ORF Blecha nicht!" Wie kam es zu diesem besonderen Zitat? nicht mehr vorkommt. Radio Wien und damit der ORF er- CB: Bruno Kreisky hat immer gesagt, für wie schwer er- füllt hier eine Kulturaufgabe nicht, die ihm zusteht. Und in Wien sind wir keine Minderheit. Das möchte ich betonen: setzbar er mich hält, aber das Zitat als solches habe ich immer wieder von anderen gehört. Ich habe mich jedoch „Wir sind in Wien keine Minderheit"! sehr darüber gefreut. Dazu kann ich sagen, dass ich mit
RL: Da findest du kein Gehör. Wenn es nur eine ½ Stun- Bruno Kreisky seit der Zeit als Maturant verbunden war densendung wäre, z. B. für Pensionisten mit Tipps wie es und zusammengearbeitet habe, besonders in seinen po- Conrads oder der Hagen im Seniorenclub gemacht hat, litischen Funktionen. Ich bin wie er, in Niederösterreich das wäre schon ein Erfolg. Die Leut' werden zwar immer politisch aktiv geworden, in Tulln, in dem Viertel ober dem älter, aber davon will man nichts wissen. Warum es keiner Wienerwald. der Mühe wert findet, ist mir ein Rätsel.
RL: Um bei Bruno Kreisky zu bleiben, er hat sich sehr CB: Das sind bornierte, arrogante Bimpf! Das ist ein Zu- gerne beim Heurigen: „Mit dir möcht' i alt werd'n und stand, den wir nicht hinnehmen können, das ist eine Aus- jung bleiben dabei" (Anm: Text u. Musik: Lechner, Karner, trocknung der Wiener Kultur. Andree) gewünscht, man könnte glauben, er hat dich da-
RL: Ich kenne dich als heiteren und lebensfrohen Mann, mit gemeint? der auch über sich selbst lachen kann. Als großer „Spitz- CB: Ob er mich gemeint hat, das weiß ich nicht, aber hat buben-Fan" der du warst/bist, interessiert mich, ob die 3 sich das immer gewünscht, das weiß ich und das ist das auch mal die ehemaligen Affären um „Lucona", „Noricum" Lied deiner Mama, das wir sehr oft gehört haben. oder den berühmt berüchtigten Club 45 verrissen haben
RL: Welche Wienerlieder kennst und magst du? bzw. ob du auch Inhalt ihres Programms warst? CB: Ja, da kann ich mich schon erinnern. Lucona - durch CB: Schau, das Wienerlied hat mich von Anfang an inter- essiert. Das ist ja an sich eine Entwicklung aus dem Ende den Proksch - kam sicher vor. Noricum, daran erinnere ich mich nicht. Ich hab das immer mit Humor genommen. des 18. beginnenden 19. Jahrhunderts und ist für mich, der sich als Bub bereits ums Wienerlied gekümmert hat,
RL: Unter deiner Leitung ist IFES, das „Institut für em- nicht nur das Volkslied, sondern eben auch verbunden mit pirische Sozialforschung", eines der fundiertesten For- Nestroy und Raimund, die es meiner Ansicht nach popu- schungszentren für angewandte Sozialwissenschaft lär gemacht haben. Nämlich über die Grenzen von Wien geworden. Du bist heute noch Präsident der „Österreichi- hinaus wurde das Wienerlied durch die zwei Giganten schen Gesellschaft zur Förderung der Forschung". Was weltbekannt. gehört zu deinen bedeutendsten Forschungsergebnis- sen?
RL: Wobei man sagen muss, dass Raimund sehr unter CB: Zum Beispiel habe ich 1969 den OpinionLeader- Nestroy gelitten hat. Der, der sich damals „marketingmä- Big" besser verkauft hat, war Nestroy. Index, der zur Erfassung der Meinungen bestimmter Per- sönlichkeiten, die als Prädikator der allgemeinen Mei- CB: Ja, das war Nestroy. Aber das Straßenlied ist durch nungsentwicklung gedeutet werden können, entwickelt. beide weltberühmt geworden und das Kunstlied, dass Später erstellte ich das damals von mehreren Rundfunkan- das Wienerlied auch immer war, durch den Franzl Schu- stalten verwendete Computermodell einer Multivarianten- bert. Die drei muss man in einem Atemzug nennen und Analyse zur Interpretation von Wahlergebnissen und ich das soll man betonen, dass das zwei Richtungen waren, war Mitbegründer der noch heute gebrauchten Wähler- die zu dem geführt haben, was das Wienerlied heute ist. strom-Analyse.
RL: Heutzutage wird das Wienerlied durch die Medien
RL: Soweit ich informiert bin, hat dir die Kliment- eher vernachlässigt. Ohridski-Universität in Sofia das Ehrendoktorat verliehen? CB: Das ist ein Wahnsinn. Das Wienerlied war bei uns Bist du stolz drauf? in der 2. Republik durch Radio Wien bekannt und ist auf CB: Ja, selbstverständlich. Das wurde mir verliehen nach einmal verschwunden. Dass der ORF das Wienerlied ver- einer Vortragsreihe über empirische Sozialforschung, die
im Osten zu diesem Zeitpunkt noch nicht so hoch ent- wickelt war.
RL: Deine Aktivitäten sind bewundernswert und um nur einige Beispiele anzuführen, du bist: Präsident der Ös- terreichischen Gesellschaft zur Förderung der Forschung (GFF), Ehrenpräsident der Gesellschaft für Österrei- chisch-Arabische Beziehungen (GOAB), Präsident der Osterreichisch-Bulgarischen Gesellschaft (OBG), Ehren- präsident der Wiener Arbeiter, Turn- und Sportvereine (WAT) und Vorsitzender des Verwaltungsrates des Fuß- ballklubs AUSTRIA Wien. Wie bringst du alle deine Funk- tionen unter einen Hut? CB: Zum Teil sind es Ehrenfunktionen - und die, die keine sind, versuche ich voll auszuüben und nicht nur am Pa- pier. Das heißt, man muss was tun. Meiner Ansicht ist man verpflichtet, wenn man einen bestimmten Namen aufgrund der Tätigkeit in der Vergangenheit hat, sich für die, die heute aktiv sind, einzusetzen. Daher übernehme ich gewisse Funktionen, wo andere sagen: „Warum tust du dir das an", denn wenn man in einem bestimmten Be- reich tätig war, muss man den Jungen helfen, dass sie gehört werden.
RL: Im Jänner 2000 hast du die Funktion des Präsidenten des Pensionistenverbandes Österreichs angetreten und wurdest als solcher immer wiedergewählt. Zusätzlich wur- dest du auch Präsident des Österreichischen Senioren- rates. In dieser Funktion bist du extrem aktiv und der beste Vertreter, den man sich nur wünschen kann. Welche aktuellen Themen liegen dir besonders am Herzen? CB: Der Österreichische Seniorenrat ist die Dachorgani- sation aller Seniorenverbände. Er ist damit die überpar- teiliche und gesetzliche Interessensvertretung von rund 2,4 Millionen Menschen, rund einem Viertel der Bevölke- rung. Alle 4 Jahre findet die Vollversammlung statt, die jetzt erst am 14. November war. Die Medienresonanz war ausgesprochen positiv. Neben Verbesserungen bei den Themen Pensionen und Pflege fordern wir auch vehement ein Stimmrecht in den Organen der Sozialversicherungen. Derzeit haben wir dort nur einen Sitz aber keine Stimme, obwohl die Pensionisten ein Drittel zur Finanzierung der Krankenversicherung beitragen. Weiterhin fordern wir die Abschaffung der Pensionsbeiträge für Bezieher einer Alterspension und ein großes Thema ist die Absicherung der Pensionen in der Verfassung.
RL: Mit der Hymne: „Schau dir deine Freunde gut an" (Anm: Text u Musik: Lechner, Karner, Andree), die von Franziska Fast auf ihrem Akkordeon sehr oft dargebracht wurde und zumindest damals noch im ORF gespielt wurde, darf ich mich bei dir für dein offenes Gespräch, und dei- nen Einsatz ums Wienerlied herzlich bedanken. CB: Ich war dabei, wenn sie das gespielt hat, und das Wienerlied durch den ORF zu verbannen, ist ein kul- tureller Skandal, den man nicht hinnehmen kann. Den Zustand dass unsere jungen Wienerinnen und Wiener vom Wienerlied wenig Ahnung haben, halte ich für skandalös, denn das Wienerlied ist mit der Stadt Wien auf das Engste verbunden. Es ist seit dem 18. Jahrhundert ein ganz besonderes Charakteristikum der Wiener Mentalität und des Lebens in Wien. Wer das Wienerlied sterben lässt, lässt die Wiener Kultur sterben! Das ist meine feste Über-
RL: Danke für diese wunderschönen Abschlussworte! © Renate Lechner, Foto: ® sabine hauswirth