Otto Schenk

Ausgabe Nr. 113

Renate Lechner plaudert mit Otto Schenk

OCR-Interviewtext mit erhaltener gedruckter Fassung.

Interviewtext

Renate Lechner plaudert mit...

Liebe Augustin-Freunde! Mit Stolz und Euphorie darf ich diesmal mit einer Ikone, einem der ausgezeichnetsten und populärsten Künstler, Kammerschauspieler, Alleinunterhalter, Kabarettist, Buchliebling, Regisseur und Intendant, von 1988 bis 1997 Direktor des Theaters an der Josefstadt, an seinem Lieblingsplatz, seinem Sommerdomizil am Irrsee in Ober- österreich, ein Interview führen. OTTO SCHENK, geboren am 12. Juni 1930 in Wien. Ich muss zugeben, mir zittern die Hände beim Schreiben, dass ich diese besondere Ehre genieße. Sie werden mich sofort verstehen, wenn ich nur einige seiner Auszeich- nungen anführe: Nestroy-Ring, zweimal die Romy als beliebtester Schauspieler, Platin-Romy für sein Lebens- werk. Bayerischer Filmpreis, Karl-Valentin-Orden, Großes Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, Ehrenring der Stadt Wien, Bürgerurkunde der Stadt Wien, Nestroy-Theaterpreis für sein Lebenswerk und natürlich Buchliebling - Lifetime-Award.

Renate: Bei Ihren unzähligen Auszeichnungen, fehlt der Professortitel?

Otto Schenk: Nein. Aber ich lasse mich nicht so nennen. Ich bin Professor, bin Kammerschauspieler, bin Doktor der Universität von Tschechien, aber das brauche ich nicht. Ich finde ein Schauspieler hat seinen Namen als Titel zu haben und nicht dazu „Anhängsel-Titel".

Renate: Wie bereits in unserem Vorgespräch erwähnt, dreht sich bei uns das Meiste um das stiefmütterlich be- handelte Wienerlied bzw. auch um die damit ins ins Win- kerl gestellten Autoren und Komponisten. Kurz um das gesamte Wiener Genre. Bemerken Sie ebenfalls die Ver- nachlässigung dieses Kulturguts?

Otto Schenk: Ja. Ich bemerke die Vernachlässigung jedes Kulturguts. Das Wienerlied ist nicht das einzige. Der Wiener Dialekt, das Hochdeutsche, wird ja auch vernachlässigt und verhunzt. So sehr ich Fremdwörter liebe - wo sie am Platz sind - mag ich sie nicht, wo sie überflüssig sind. Wo sie nur verwirren oder die ganze Abkürzerei. Die Sprache ist in Lebensgefahr.

Renate: Bei uns im Garten muss z. B. jeder 1 € bezahlen, der z. B. das Wort „lecker" benützt.

Otto Schenk: Bei mir müssten's einen Tausender zahlen. Das zahlt aber keiner (lacht).

Renate: Singen bzw. hören Sie gerne Wienerlieder?

Otto Schenk: Ich hab' ja auch eine Wienerlied-Periode gehabt. Mit meinen Stimmresten habe ich mit den Philhar- monia-Schrammeln gesungen. Ich finde das Wienerlied ist ja so geschrieben, dass es auch „Nichtsänger" singen können. Die Wienerlieder, die ich geliebt habe, waren eigentlich die, die mit dem Tod in Verbindung stehen. Weil der größte Teil ist ein Abschied nehmen, dem Drüber- Stehen-Wollen. Eine gaunerische" Verbindung zum Him- mel. Die Ironie und die Sentimentalität wiegen sich auf. Dadurch ist es immer so hinterfotzig sentimental und das gefällt mir. Ich habe eine große Verehrung für das Wienerlied.

Renate: Es ist ausdrucksstark und es gibt einen Unter- schied zwischen Heurigenlied und Wienerlied. Vor allem der Vortrag ist wichtig.

Otto Schenk: Ja und auch wie man dran glaubt. Man will ja etwas mitteilen, sich „ansandeln". Das Wienerlied ist eine Dichtung. Das Wort ist ebenso wichtig wie die Musik, wenn nicht sogar wichtiger.

Renate: Nach Ihrer Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar begannen Sie Ihre Karriere am Theater in der Josefstadt und am Wiener Volkstheater. In den 1950er Jahren traten Sie bereits im Kabarett Simpl auf. Wer war damals für Sie einprägend?

Otto Schenk: Mit Jahreszahlen dürfen's mich nicht plagen, wenn Sie's haben dann glaub' ich's Ihnen. Ich hab' die Simpl-Leute alle sehr verehrt. Den Farkas, den Conrads, den Heller. Da war ein Komiker Heller, über den ich so lachen musste, wie ich nie wieder über jemand lachen musste. Er war gar nicht der große Star, aber er war die Lachbombe des Abends.

Renate: Sie sind auch beim Witze erzählen bravourös. Man geht davon aus, dass Sie gar nicht viel dazu beitragen müssen, man sieht Ihre Mimik und muss schon lachen.

Otto Schenk: Das ist ein Irrtum. Ein Witz muss schon sehr gut sein. Mit schlechten Witzen stürzt man ab. Mein Buch „Garantiert zum Lachen", (ist noch im Handel, es wurden über 50.000 Bücherverkauft), in dem sind nur Witze drinnen, bei denen gelacht wurde, wenn ich sie erzählt habe.

Renate: Aber es ist ein großer Unterschied, wenn Sie den Witz erzählen oder wenn er nacherzählt wird.

Otto Schenk: Ja, verhauen können Viele. Es gibt eine ganze Industrie von Witz-Verhauern.

Renate: In der Parodie sind Sie so genial, z. B. als „Balletttänzerin in Schwanensee" oder wenn Sie von sich als Dirigent sagen: „ich dirigiere ja nicht wie ein richtiger Dirigent, sondern wie ein Komiker, der einen Dirigenten spielt ..." was Sie darstellen, ist ja keine Parodie mehr sondern eine eigene Kunstrichtung. Wie haben Sie dieses Können so kultiviert?

Otto Schenk: Das ehrt mich sehr, dass Sie das so sehen. Weil ich hab' auch das Gefühl, ich bin ein anderer wenn ich dirigiere. Ich kann ja nicht wirklich dirigieren, ich kann nur Avisos geben und ein bisserl Takt halten. Das ist inte- ressant, dass „meine Musiker", also „diese paar Gauner", die mit mir musizieren, die Kammerphilharmonie, die krie- gen einen Gaunerblick wenn ich das Pult betrete. Unter dem Motto: „Wir verstehen dich, auch wenn'st was Falsches machst." Ich ehre sie, wenn sie einen Laien ver- stehen. Dann spielen sie oft schöner als mit ihrem ständi- gen Dirigenten. Weil sie sich bemühen und meine musika- lischen Schmäh's mitmachen.

Renate: Goutieren Sie es, wenn Künstler versuchen sich in die Politik einzumischen?

Otto Schenk: Schaun' Sie, wenn er was Anständiges sagt, bin ich seiner Meinung. Aber ich bin der Ansicht, dass wir nicht öffentlich politisieren sollen. Künstler sollen ihre Rollen spielen und die Rollen müssen Anständiges aussagen. Unsere Sprache soll das Theater sein und nicht das Geschwätz über Politik.

Renate: Was ärgert Sie am meisten?

Otto Schenk: Schlechtes Theater. Schlechtes, unechtes, gewolltes Theater. Das stört mich beim Kabarett genauso wie bei der Oper oder bei einem Vortragsabend.

Renate: Gleichfalls beim Gesang?

Otto Schenk: Ja, wenn nicht so gesungen wird, wie man singen muss. Man muss eigentlich das Müssen des Singens herausspüren. Weil: „warum singen die in der Oper?" Mein Vater hat gesagt: „die singen eben". „Die singen, weil sie sich anders nicht ausdrücken können, als mit genialer Musik." Musik muss stimmen sonst kann man schwer etwas ausdrücken.

Renate: Verzeihen Sie bei Kollegen „Hoppalas" und etwaige „Patzer"?

Otto Schenk: Ich mach' einen Witz d'raus. Als Regisseur ärgert es mich. Wenn's mir selbst passiert, ärgert's mich noch mehr.

Renate: Zu Ihrem 75. Geburtstag sind unter dem Titel: „Ich habe den Humor immer sehr ernst genommen" 6 DVDs erschienen. Ein sehr treffender Titel für Ihre Einstellung zur Perfektion. Sind Sie Perfektionist?

Otto Schenk: Nein, Perfektionist würde ich mich nicht nen- nen. Ich bin offen für die Gnade des plötzlichen Einfalls. Ich bin offen für das Bessere. Ich bin eigentlich ein For- scher, was die Handlung betrifft und die kleinen Details, die die Gefühle verraten. Ich glaube nicht, dass man ein Gefühl spielen kann. Das wird zur arroganten Mimik oder eine übliche Konventionalistik. Man muss das Richtige outrieren, wenn man outriert. „Outrage obligé", könnte man sprichwörtlich sagen. Was man übertreibt, muss des Übertreibens würdig sein.

Renate: Darf ich Sie um ein, zwei lustige Anekdoten bitten?

Otto Schenk: Da treten Sie auf einen wunden Punkt. Wenn man mich um einen Witz oder eine lustige Geschichte fragt, fällt mir keine ein. Auf der Bühne findet man Sachen komisch, die überhaupt keinen Witz haben. Ich könnte das jetzt gar nicht aufzählen. Sie würden ein fades G'sicht machen. Ich hatte einen Kollegen, bei dem hab' ich gelacht, wenn ich ihm ins G'sicht g'schaut hab'. Erik Frey, ein ernster und großartiger Schauspieler, aber wir waren einander „Lachwurz'n", wie man so sagt. Ich habe an dem Augenzwinkern und seinem Blick bereits gemerkt, was er denkt. Schon ging ein innerliches Kudern los. Ein „lebensgefährlicher" Partner.

Renate: Sie haben von sich behauptet ein „Menschen- fresser" zu sein. In dem Sinne, dass Sie die Schwächen der Leute interessieren, da diese aussagekräftiger sind. Wie kamen Sie auf diesen höchstinteressanten Zugang zur Menschheit?

Otto Schenk: Das war, bevor ich Schauspieler werden wollte, eine „Krankheit" von mir. Ich habe Menschen im- mer beobachtet. Meine Schwester war um 12 Jahre älter und hatte eine andere Gesellschaft um sich, die mich aber sehr interessierte und die mich sehr mochte. Das war eine Nebenaufgabe meiner Jugend, zu beobachten. Ich hab' sie nachgemacht. Und damals schon, war es nicht mög- lich - wenn meine Laune nicht vorhanden war - konnte mich keiner zwingen etwas zu machen. Das ist leider beim Theaterspielen so oft, dass man ohne Laune spielen muss. Da muss man eine andere Methode anwenden.

Renate: Arbeiten Sie viel an Ihrer Merkfähigkeit?

Otto Schenk: An meiner Merkfähigkeit für Text kann ich nicht arbeiten, weil sie eine Katastrophe ist. Ich bin ja im- mer mit meinem Vortrag so lange unzufrieden, bis ich den Text so sprechen kann, wie die dargestellte Person ihn sprechen würde. Daher kann ich nicht „ratschend" lernen, weil da bleibt nix hängen.

Renate: Wie lernen Sie?

Otto Schenk: Fast gar nicht. Ich lerne mit jemand sehr Geduldigem - mit dem spiel' ich die Szene immer wieder und immer mehr nähert sie sich dem Text, wie er wirklich bleiben soll. Bei Klassikern z. B. so, bis mein Hirn denkt wie der Klassiker. Mein Hirn muss wie der Schiller denken können, wenn ich einen Schillersatz spreche.

Renate: Sie spielten und inszenierten an den herausra- gendsten Opern- und Schauspielhäusern der Welt: in New York an der Metropolitan Opera, der Mailänder Scala, dem Royal Opera House in Covent Garden, London. An der Wiener Staatsoper, im Wiener Burgtheater, den Münchner Kammerspielen, der Bayerischen Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin, der Staatsoper in Hamburg. Wenn man dann noch Ihre Regiearbeiten und Schauspiel- rollen, Bücher etc. dazu zählt, wie geht sich das in einem Leben aus?

Otto Schenk: In dem man manches nebeneinander und das meiste hintereinander macht. Das geht sich aus.

Renate: Sie haben auch über 12 Bücher geschrieben ...

Otto Schenk: Diktiert hab' ich, wenn mir zumute war oder zumute sein musste. Das kommt dazu, man muss auf Zwang reagieren können. Z. B. am Donnerstag kam mei- ne Verlegerin und ein entzückendes Schreibmädchen, das zuhörte. Nicht einfach nur tippen - da wär mir nix einge- fallen. Und dann hab' ich mal eine ¼ Std. geschimpft, weil mir nix einfällt. Dann hab' ich auf irgendetwas plötzlich einen Zorn gekriegt und gesagt: „Jetzt schreiben Sie!" Dann kam diese Zornesrede oder etwas das mich be- geisterte. Es musste immer kochen in mir. Es musste ein Interesse vorhanden sein. Das merkt man gottseidank an meinen Büchern, diese Begeisterung, diese Trance in die man sich versetzen muss. Dann konnte ich druckreif dik- tieren. Das ist ein bisschen so wie unser Interview.

Renate: Sie sind das ja gewöhnt, für Sie ist ein Interview ein Klacks. Der, der Sie interviewt - sprich jetzt ich - ist aufgeregt.

Otto Schenk: Das verstehe ich, ich bin auch aufgeregt und weiß auch nicht was ich sage (lacht). Aber es kriegt von sich aus eine Form. Weil sonst sagt man's nicht. Man schreibt ja auch nix auf, was nicht irgendeine Form hat.

Renate: Ganz kurz bitte einen Blick in Ihr Privatleben. Sie sagten einmal: „Ohne Partner ist man nichts auf der Welt!" Wie sieht Ihr Alltag mit Ihrer geliebten Frau aus?

Otto Schenk: Das hat eine seltsame Form angenommen. Es ist eigentlich fast nicht schilderbar. Meine Frau ist bett- lägerig und redet sehr wenig. Aber das Bewusstsein, dass ich in ihrer Nähe bin, zwingt sie gesund zu leben. Sie isst und trinkt, mehr als ich, und hat wunderbare Blutwerte, ist aber nicht mehr fähig mit mir zu spazieren. Darunter leidet sie manchmal.

Renate: Sie sind ja auch kein Sonnenanbeter, Sie haben ja ich Regie führe, wenn ich schon keine Lust oder Ärger einmal gesagt, die Sonne, ist ein unnützes Gestirn. hatte. Sie hat mich beruhigt, wenn etwas schief gegan-

Otto Schenk: Ja, ein überflüssiges Gestirn, hab ich etwas gen ist. Das hat sie mir nicht angerechnet. Wir haben das voreilig behauptet. Inzwischen haben wir bei uns am Irr- immer zusammen mit Humor überstanden. Die ganzen see einen Halbschatten geschaffen. Wir haben sehr viele „Brez'n die man reißt". Die nenn' ich aber jetzt nicht, die Bäume selbst gepflanzt, wohnen jetzt schon 50 Jahre in „Brez'n". dem Haus und die Urbäume, die riesig ausschauen - so vor-

Renate: Zum Abschluss noch, bevor ich mich ganz herz- zeitlich - sie drohen uns wie alt wir sind. Aber sie spenden lich für Ihre Zeit die Sie mir geschenkt haben bedanke, Schatten, so dass wir fast ein eigenes Klima hier haben. gibt es eine Frage die Sie sich selbst gerne stellen wür- Das genießen wir gemeinsam Hand in Hand und sind den? eigentlich verknuddelt und nach wie vor verliebt. Ich bin in

Otto Schenk: Nein, einfach nein. Mir is' wurscht was einer meine Frau immer verliebt gewesen. fragt. Ich versuche auf alles eine Antwort oder eine Aus-

Renate: Sie haben den ganzen Avancen die man Ihnen rede zu finden. Ich bin eigentlich pflegeleicht wie Sie machte widerstanden. Ihre Frau war immer der Zenit. merken.

Otto Schenk: Das ist das Geheimnis einer Ehe, dass sie Lieber Herr Schenk, es war ein besonderes Vergnügen, jeden Tag neu ist. Ich habe mich in tausende Frauen ver- ein herausragendes Erlebnis für mich und das wird es liebt und sie waren alle meine Frau. Es gibt keinen Tag, auch für unsere Leser sein. Herzlichen Dank.