Ausgabe Nr. 14
Renate Lechner plaudert mit Lore Krainer
Interviewtext
Renate Lechner plaudert mit...
Liebe „Augustin-Freunde"! Diesmal konnte ich die Grand-Dame des Kabaretts und des Chansons für ein Gespräch gewinnen, die ob ihres Könnens, ihrer Vielseitigkeit und Beständigkeit in ihrem Metier unbestritten als Universalgenie bezeichnet wer- den kann: LORE KRAINER, eine Künstlerin, der es immer wieder gelingt, ihr Publikum mit neuen künstlerischen Aktivitäten zu überraschen. Vorweg ein kurzer Lebenslauf: Durch den Krieg unschöne Jugend, Studium an der Grazer Musikakademie und der Theaterschule, Theaterkorrepetitorin und danach in der Unterhaltungsbranche Fuß gefaßt. Jahre in der Schweiz, wo sie mit einem 6-Mann-Orchester in Hotels, Bars und Kursalons musizierte.
RENATE: Frau Krainer, Gerhard Bronner hat Sie ent- deckt, Ihre erste Platte produziert (Menschen, Mause, Lipizzaner") und war der Meinung, daß es schon mit dem Teufel zugehen müßte, wenn eine Frau, die soviel Vitalität besitzt, die soviel Können und Charme auf- weist, nicht beim weiten Publikum ankommen würde. War es auch für Sie von Anfang an klar, die Karriere- leiter so hoch zu klettern? L.
KRAINER: Dazu muß man sagen, ich hab' vorher schon in der Schweiz eine sehr große Karriere gehabt und wollt' eigentlich nur wieder nach Haus'. Ich war dann auch in Graz sehr bekannt, habe Abende gegeben, meine Lieder im eigenen Lokal gesungen, also sozu- sagen eine Lokalgröße.
RENATE: Wie hat Sie Gerhard Bronner entdeckt? L.
KRAINER: Er hat ein Band von mir g'hört und g'sagt: „Da muß was produziert werden!" Weil er war ja immer ein Entdecker beziehungsweise er hat sich getraut, er hatte auch immer ein gutes G'spür.
RENATE: Wie ist Ihr Kontakt heute zu Gerhard Bron- ner und könnte es wieder ein neues gemeinsames Kabarettprogramm geben? L.
KRAINER: Wir sind nach wie vor befreundet und wenn wir uns sehen freuen wir uns. Wir arbeiten nicht mehr zusammen, weil er ja weit weg ist vom aktuellen Kaba- rett und er hat keine Beziehung mehr dazu. Er lebt hauptsächlich in Amerika und kommt nur sporadisch.
RENATE: Mit vielen Größen des Kabaretts, der Bühne konnten Sie gemeinsam arbeiten (zum Beispiel Hugo Wiener, Peter Wehle, Alfred Böhm, Kurt Sobotka und viele andere), hatten diese außergewöhnlichen Men- schen Einfluß auf Ihre Arbeit? L.
KRAINER: Ich wollt' mich eigentlich nie beeinflußen lassen. Als ich zu schreiben begann, habe ich mir bewußt viele Sachen von anderen gar nicht ang'hört. Oder nicht angehört im Bewußtsein, so will ich's auch machen oder so ähnlich will ich werden. Sonst würde man automatisch vielleicht etwas „stehlen", was man gar nicht „stehlen" will. Wenn man eigenständig bleibt, bekommt man seine eigene Art.
RENATE: 1978 backten Sie gemeinsam mit Peter Wehle und Gerhard Bronner erstmals den „Guglhupf". 1986 ist Peter Wehle verstorben, 1988 verließ Gerhard Bron- ner das Team und seither führen Sie mit Kurt Sobotka den „Guglhupf". Bei über 600 Sendungen - sehen Sie diese Regelmäßigkeit, immer wieder Aktuelles kabaret- tistisch zu verpacken als Herausforderung bezie- hungsweise ist es manchmal auch belastend? L.
KRAINER: Beides. Erstens ist es eine Hausforderung und zweitens eine Belastung. Weil wenn eine Sendung von Herbst bis Frühsommer läuft muß man Neues brin- gen, ob etwas passiert oder nicht. Ich mein' es passiert immer was, aber soviel wie jetzt - da ist natürlich eine halbe Stunde Kabarett zu kurz.
RENATE: Die Aktualität ist ein Markenzeichen der Sen- dung? L.
KRAINER: Natürlich, in dem Moment, wo Sonntag der „Guglhupf" ausgestrahlt ist, muß ich ja schon wieder neu beginnen. Aber man muß auch jonglieren. Wissen Sie, die Leute wollen immer das hören, was sie selbst denken und wenn man dagegen spricht sind viele böse, weil sie nicht den Humor besitzen. Man bekommt immer Reaktionen. Mehr böse Briefe als positive, weil wenn jemand etwas gefällt, setzt er sich meistens nicht hin und schreibt, obwohl's uns auch passiert.
RENATE: Sie gehören zu den wenigen Frauen, die poli- tisch und zugleich weiblich sein können. In Ihrem Pro- gramm „Krainer mit Senf" hatten sie 1984 bereits eine Reihe guter Vorschläge für die Sanierung des österrei- chischen Staates parat. Dachten Sie jemals daran, Poli- tikerin zu werden? L.
KRAINER: Ich muß Ihnen ehrlich sagen, ich möchte es nicht. Da ich durch meinen Beruf sehr viele Politiker kennenlerne, weiß ich welche Belastung das ist. Aber ich hätt' keine Angst davor, weil ich hab' oft Diskussio- nen mit Leuten oder Kollegen und ich glaub' ich könnte mich durchsetzen. Nur ist heutzutage die Politik so bös- artig geworden und so unter der Gürtellinie, ich glaub' nicht, daß mir das liegen würde.
RENATE: Gegen subventionierte Selbstverwirklicher und offiziell von der Kulturpolitik Verwöhnte betreiben sie mit intellektuellen Mitteln und souveränen Wortspie- len immer wieder Aufstand. Darf ich Sie zum Thema Burgtheater/Peymann um Ihre Meinung bitten?
L.
KRAINER: Ich bin dafür, daß sich Theater verändert. Ich bin aber nicht dafür, daß man es total verfremdet. Es gibt Unterschiede zwischen einem modernen Regis- seur und einem Theaterdirektor. Man kann nicht beides sein so wie es der Peymann ist. Weil er den Überblick verliert und anscheinend aber soviel Autorität oder Herrschsucht hat, daß er die anderen nicht arbeiten läßt. soviele gute Burgschauspieler in Pension geschickt, nur weil sie die winzigen Rollen, die ihnen angeboten wurden, nicht wollten. Aber Kultur muß sub- ventioniert werden, nur gute Kultur sollte uns etwas wert sein.
RENATE: Werden Sie subventioniert? L.
KRAINER: Ich bin nie subventioniert worden, aber ich bin auch ein 1-Frau-Betrieb. Wenn ich was leiste, verdiene ich - wenn ich nichts leiste, verdiene ich nix. Ganz einfach.
RENATE: Sie sind im Aufsichtsrat der AKM, wo Sie sich für Anliegen der Autoren einsetzen. Sind Sie der Ansicht, daß für schöpferische Künstler härtere Zeiten kommen wenn der ORF hauptsächlich ausländisches Musikprogramm spielt? L.
KRAINER: Das haben wir schon immer festgestellt, das ist ganz klar. Man kann nur immer wieder ver- suchen, gute Verträge auszuhandeln.
RENATE: Im Seniorenclub sind Sie immer wieder gerne gesehen. Glauben Sie, daß solche Sendungen über- leben werden? L.
KRAINER: In jeder neuen Ära wird versucht zu refor- mieren. Manche Sendungen haben das Glück, vielleicht auch durch ihre Qualität oder durch ihre Zielrichtung zu überleben. Also wollen wir hoffen, daß der Senio- renclub bleibt. Solange es ältere Leute gibt, die ihn gern sehen, glaub' ich, hat er die Chance dazu.
RENATE: Im ORF wird so gut wie nichts Wienerisches" mehr geboten. Mit dem Ableben von Heinz Conrads ist auch seine Sendung „gestorben" und im Rundfunk hat man unter anderem Walter Heiders „Ringelspiel" abge- dreht. Auf jedem Sender großteils nur Amerikanismen. Was sagen Sie dazu? L.
KRAINER: Ich bin dafür, daß man Vielseitigkeit anbie- tet. Früher hatte ich zumindest noch Blue Danube" als Ausweichmöglichkeit. Wenn zum Beispiel in Ö 1 eine Spezialsprachsendung war, die mich nicht interessiert hat, dann war dort eine hübsche Musik, von Klassik bis zum Musical. Nicht einmal das ist mehr. Es ist überall alles gleich. Der Mensch wird auch in seinem Geschmack vollkommen nivelliert. Das ist eine echte Katastrophe.
RENATE: Sie feierten am 4. November Ihren 65. Ge- burtstag. Mögen Sie offizielle Ehrungen? L.
KRAINER: Wenn sich's ergibt, warum nicht? Ich hab' das „Große Ehrenzeichen des Landes Steiermark" und was mich fast noch mehr freut, als erste Nicht-Wienerin - bereits im Jahr 1986 - den Nestroy-Ring der Stadt Wien bekommen. Aber wenn man eine Auszeichnung bekommt, denkt man sich: „Da schau, es ist irgend jemand aufgefallen." Man arbeitet, man hat ein Ziel bei der Arbeit. Ich kann ja nicht erwarten, wenn ich noch relativ oft aus dem „Kastl" rausschau, daß man mich dann nicht erkennt. Ich find' das blöd, daß man sich, wenn man endlich bekannt ist, verkleidet, nur damit man nicht mehr erkannt wird.
RENATE: Ein bisserl Privates darf ich erfragen? Nach meinen Berechnungen würden Sie heuer 43 Jahre ver- heiratet sein. Stimmt das? L.
KRAINER: Nicht ganz, es sind 42 Jahre. Wir haben 1953 geheiratet.
RENATE: Nachdem Ihr Gatte selbst künstlerisch tätig war, ist es leicht mit einer so dynamischen Frau ver- L.
KRAINER: Als wir uns kennengelernt haben, war er noch der viel Dynamischere. Er ist dann leider durch eine Krankheit in seinem Beruf behindert worden und ich bin notgedrungen dynamischer geworden. Muß aber allerdings sagen, ich hab' mich mit dem Älterwerden immer mehr entwickelt. Worüber ich sehr froh bin, weil ich heut' gar nicht darüber nachdenk' wie alt ich bin. Solange ich was leisten kann, solange man mich braucht, werde ich arbeiten. Weil arbeiten den Geist und damit auch ein wenig den Körper unterstützt.
RENATE: Sie haben sichtlich abgenommen. Haben Sie eine spezielle Diät? L.
KRAINER: Ich hab' schon wieder zugenommen. Aber wenn's irgendwie geht, halt' ich mich an die Trennkost. Hie und da, nachdem ich eine stadtbekannte Abstinenz- lerin bin, ist mein einziges Laster etwas Süßes. Man muß manchmal kleine Sünden begehen, weil sonst ist ja das Leben nicht lebenswert.
RENATE: Sie waren doch eine starke Raucherin. Wie haben Sie aufgehört? L.
KRAINER: Ich hab' immer gesagt, ich rauche solange es mir nicht merkbar schadet. Mit fünfzig hab' ich gemerkt, halt, jetzt spür' ich's und dann hab' ich eben aufgehört.
RENATE: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft? L.
KRAINER: Also ich wünsche mir, daß es in der Kultur Nischen gibt für Individualisten und ich wünsche mir, daß man auch beim Fernsehen merkt, daß dieser Jugendwahn der betrieben wird, in Amerika schon längst wieder vorbei ist. Weil das Geld haben ja doch die älteren Leute. Es ist so eine Diskrepanz, die Medizin macht die Leute immer älter und dann aber sagt man: ab vierzig, sie sind zu alt, wir brauchen Sie nicht mehr. Im Gegenteil, man müßte die älteren Leute fördern und auch auf die Leute Rücksicht nehmen, die sich erlauben über 50 und 60 zu werden, auch in der Kultur!
RENATE: Stimmt es, daß Sie gemeinsam mit Elfriede Ott die Sommerspiele auf der Burg Liechtenstein bearbeiten? L.
KRAINER: Ja, seit der Hans Weigel verstorben ist, schreibe ich beziehungsweise bearbeite ich die Fest- spiele für Elfriede Ott. Ich hab' auch schon mitgespielt und schreibe dafür neue, aktuelle Couplets.
RENATE: Abschließend, kommt wieder ein Drehbuch von Ihnen ins Fernsehen, mit der Hoffnung mehr Niveau ins Wohnzimmer zu bekommen? L.
KRAINER: Nein, schöne Drehbücher sind nicht mehr gefragt. Früher bin ich ehrgeizig, mit Ideen behaftet, hinaufmarschiert (Küniglberg) gemacht beziehungsweise Sachen abgeliefert. Man hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: Sehr gut, sehr lieb!" und damit ist es in irgendeiner Lad' ver- schwunden. Warum soll ich das heut' noch? Da mach' ich mir lieber einen schönen Abend.
RENATE: Sie sind vielen Frauen ein Vorbild, Sie brau- chen keine Quotenregelung, um erfolgreich zu sein und Sie zeigen auch, daß man nicht zur jungen Powergene- ration gehören muß, um dynamisch zu arbeiten. Liebe Frau Krainer, vielen Dank für das interessante und niveauvolle Gespräch, welches ich auszugsweise unse- ren Lesern wiedergebe.