Renate Lechner plaudert mit... Liebe Augustin-Freunde! In dieser Ausgabe freue ich mich besonders mit dem gran- diosen Schauspieler, der in keine bestimmte „Schublade" einzuordnen ist, z. B. u. a. Kabarett bei Gerhard Bronner - „Cordoba" - in dem er als Solist 26 Rollen spielte, Lieder- abende, Lesungen, TV-, Film- und Theaterrollen in den verschiedensten Sparten, die Hauptrolle in dem Musical „The Producers" und natürlich einer, dessen Name im- mer wieder mit dem Salzburger Jedermann in Verbindung gebracht wird: CORNELIUS OBONYA, über seine Erfolge zu plaudern, ihm die eine oder andere witzige Begeben- heit zu entlocken und seine Einstellung bzw. seine Bezie- hung zum Wienerischen zu ergründen. RL: Herr Obonya, Ihre Antwort auf meine Frage ob Sie für ein Interview rund ums Wienerlied bereit sind, war: „Ja für das nehme ich mir gerne Zeit". Wie stehen Sie persönlich zum Wienerischen? CO: Mein Vater hat mir etwas ganz Zentrales beigebracht, mit dem wunderschönen Satz: „es gibt keine Hochspra- che ohne den dazugehörigen Dialekt." Als ich die ersten Lieder von Josef Meinrad etc., gehört und gesehen habe, dachte ich mir, das ist eigentlich super. Ich habe das als Kind auch so halb nachgemacht, wie Kinder eben Dinge nachmachen, die sie nicht wirklich verstehen. Genauso wie ich versuche, es meinem Sohn beizubringen. Wobei es ein Unterschied ist, weil er halber Deutscher ist. RL: Konnten Sie Ihrer Gattin - der in Osnabrück gebore- nen Regisseurin - Carolin Pienkos - den Wiener Dialekt näher bringen? CO: Ja, sehr. Meine Frau versteht und spricht mittlerweile auch ganz „tiefes" Wienerisch. Es wird immer ein Akzent bleiben, aber es ist ihre Lust daran, es auch zu tun. RL: Wie war es in Ihrer Kindheit, wurden Sie durch Ihre Eltern (Elisabeth Orth und Hanns Obonya gest. 1978) bzw. Ihren Großeltern mütterlicherseits (Paula Wessely gest. 2000 und Attila Hörbiger gest. 1987) mit dem Wienerlied konfrontiert? CO: In meiner Kindheit lief ganz andere Musik. Meine Mutter hat Boney M. gehört, mein Vater war eher orche- stral veranlagt. Aber das Wienerlied gab es durchaus. Es lief auch viel öfter im Radio oder Fernsehen, da hab ich meinen Großonkel Paul (Hörbiger gest. 1981) das „Fia- kerlied" singen hören. Das kriegt man dann schon mit. Ich bewundere viele Leute, die klassisches Wienerlied singen und genauso interessiert es mich zu hören, wenn es plötzlich verjazzt ist. Dann bekommt es eine vollkom- men andere Richtung. Aber wie gesagt, es war immer in meiner Kindheit und es war nie so, dass jemand aus mei- ner Familie sagte: „das musst aber können als Wiener". Weder mir, noch der Generation davor, wurde jemals ge- sagt: „du musst irgendetwas erreichen, was deine Vorgän- ger erreicht haben, wenn du aus dieser Familie kommst". So etwas gab es nicht. Wenn ich gesagt hätte ich möchte Physiker werden, dann hätte mich meine Mutter dahin- gehend unterstützt. Im Gegenteil, man hofft, dass es mal einer nicht ist. RL: Sie haben das Max-Reinhardt-Seminar nach einem Jahr (18jährig) verlassen, nachdem Sie ein Angebot von Gerhard Bronner, der in den fünfziger Jahren zu den wich- tigsten Persönlichkeiten der Wiener Kabarett-Szene ge- hörte und junge, begabte Darsteller, wie z. B. Marianne Mendt, Peter Rapp, Luise Martini etc., förderte - erhielten. Wie empfanden Sie den Tausch von den ehrwürdigen Hal- len des Reinhardt-Seminars auf die Bretter des „Cabarets Fledermaus"? CO: Das war SUPER! Das war das Beste was mir pas- sieren konnte. Weil da ging es richtig los. Erstens einmal war das mein Ort, den habe ich mir geholt. Ich hatte riesig viel Glück, Gerhard Bronner zu treffen. Bei ihm habe ich alle Basics gelernt, die ich in dem Jahr Schauspielschule lernen hätte sollen und das im Schnellkurs in 3 Wochen. In meiner Zeit in der „Fledermaus" - die gerade umgebaut bzw. renoviert wurde und über uns die Stromleitungen brizzelten - hab' ich mir, eine vollkommene Geräusch- unempfindlichkeit antrainiert. Und ich bin sehr, sehr dank- bar. Gerade was das Lernen betrifft. RL: Mit Gerhard Bronner, Lore Krainer, Kurt Sobotka und Herbert Prikopa, backten Sie bis 1988 gemeinsam an der wöchentlich aktuellen Ö1-Sonntagsmorgensendung Der Gugelhupf". Ich stelle mir das - auch in Bezug zum Wie- nerischen - sehr prägend vor. Welche Eindrücke hat diese Zeit bei Ihnen hinterlassen? CO: Da kann ich eine Anekdote erzählen und das war der Ritterschlag für mich in dieser „Combo". Das waren die „Supercracks" und ich war 19 Jahre alt - und das ist et- was was meine Mutter immer sagt: „das machen nur die Wirklichen". In dem Moment, wo ich von Gerhard Bron- ner in die Truppe eingeführt wurde, war ich gleichwertiger Partner. Ich hab natürlich gewusst, wann ich schweigen muss und wann nicht, aber irgendwann fiel mir eine Pointe aus dem Mund - und der Sobotka war kurz still und sagte: „das ist gut, das bleibt". Ab dann war ich drinn, da konnt' ich dann machen was ich wollte. Und ich hatte das Rie- senglück, das bezeichne ich heute als eines der größten Glücksfälle meines Daseins, dass ich ein halbes Jahr lang als junger Mensch - und zwar genau in der Zeit wo man es lernen muss - Leute um mich herum hatte, die hießen: Kurt Sobotka, Gerhard Bronner, Lore Krainer und ein paar andere. Aber das ist so die Hauptcombo, mit der ich tag- täglich gearbeitet habe. RL: Am Volkstheater an dem Sie von 1989 bis1992 en- gagiert waren, haben Sie für Ihre erste Rolle als Eugene, in Neil Simons „Brighton Beach Memoirs", den Skraup- Preis, einen Publikumspreis für Ihre erste Saison und den O. E. Hasse-Preis erhalten. Wie sind Sie in so jungen Jah- ren mit so viel Anerkennung umgegangen? CO: Super! Mich hat's g'freut! Das hat mir meine Mut- ter von vornherein beigebracht bzw. das kannte ich von meinen Eltern. Nach der Anerkennung, ist vor der Aner- ter ist, sondern weil es ganz andere Möglichkeiten gibt. kennung! Das heißt, du fängst sofort wieder bei Null an. Allein schon was sie heute beim Fernsehen oder im Kino Wenn du dir das nicht klar machst, dann fährst du in ein drehen oder drehen könnten. paar Jahren vor die Wand. Da entsteht ein Effekt, wo du RL: Ich habe mir den Jedermann in Ihrer Besetzung an- nur das machst, wo du ständig erfolgreich bist. Wenn gesehen und dachte mir nur: „wie schafft der Mann das?" einem die Eitelkeit dazu treibt, nur um dieses Gefühl wie- Diese Kondition, die Buhlschaft zu schultern über die der zu haben - wie ein Junkie, passiert Folgendes: wenn Bühne zu laufen, sich dabei noch den umfangreichen, die Anerkennung nicht mehr wirklich kommt, dann stellt schwierigen Text zu merken, das bei größter Hitze etc., die man die Frage: „Warum? Was mach ich falsch?" Es folgt: lange Spielzeit keine Pause und ohne „pipi" zu gehen, das Verbitterung, Arroganz und dann kommt der Hass auf kann doch nur funktionieren wenn Sie vor der Vorstellung alles was anders ist, wenn das kommt, ist das Hirn zu, für nichts trinken? Dinge die draußen sind. Das ist nicht meine Auffassung CO: Nein, ganz im Gegenteil, man muss vorher extrem von diesem Beruf. Deshalb habe ich auch „Cordoba" ge- viel trinken, sonst hält man es hitzemäßig nicht durch nau 100 Mal - was ein Zufall war - gespielt, das waren und das schwitzen Sie raus, nach einer ¼ Stunde bin ich 2 tolle Jahre. (Anm: 2010 mit dem Soloabend „Cordoba trocken wie ein Blatt Papier. Das ist kein Ding. - Das Rückspiel" im Rabenhof-Theater, hat Cornelius Obonya als Schauspieler sein Sprachgenie, den Komö- RL: Ist es schwer mit dem „Stempel des Jedermanns" dianten, Stimmenimitator und Erzähler in 26 verschiede- zu leben? nen Charakteren bewiesen und hatte nur sechs Wochen CO: Das macht nichts. Ich glaube es wird mich eher Probezeit. Standing Ovation und zwei Jahre ein imponie- retten, dass ich nach 4 Jahren aufgehört habe. Was ein render Erfolg.) beidseitiges Aufhören war. Die neue Leitung wollte eine Veränderung und ich wollte auch nicht mehr. Also es war RL: Am Burgtheater haben Sie ab dem Jahr 2000 mit Re- gut. Weil man muss es beenden eben um genau das zu gisseurinnen wie Carolin Pienkos, Anselm Weber, Stefan verhindern. Ich find es schön, wenn die Leut' sagen, du Bachmann oder Falk Richter gearbeitet. Großteils traten warst ein super Jedermann. Sie jedoch in Andrea-Breth-Inszenierungen auf. Wenn RL: Können Sie gelernte Texte wieder abrufen oder Sie es einem Laien erklären müssten, was hat Sie an der zwölfjährigen Breth'schen Ausbildung fasziniert? löschen Sie diese von Ihrer „Festplatte"? CO: Zwei drei Sachen bleiben hängen, also der Jeder- CO: Das ist ein schweres Feld. Das Theater selbst. Den mann wird sicher im Klang hängen bleiben. Aber diese Umgang mit der Sprache. Das Erlernen eines Charakters Zitierwut, mit dem eigenen Beruf ständig hausieren zu ge- und einer Rolle hatte ich schon weitestgehend gelernt. hen und alle anderen Leute zu belästigen - auch wenn's Mit ihr hab' ich den Griff d'runter hineingekriegt, ins wirk- sie's noch so gern hören - will ich nicht. Ich bin dann nicht lich intellektuelle Fleisch der Rolle, in die verschiedenen auf der Bühne. Möglichkeiten. Sie hat mir u. a. einen wunderbaren Satz RL: Mögen Sie es, sich selbst zu sehen? gesagt den ich sehr schätze: „Willst Erfolg haben oder willst die Rolle spielen?" Eine Dame hat einmal gesagt: CO: Ja; ab und zu ja. Es gibt Künstler die hassen sich wie die Pest, aber nein, ich kann das gut. Nicht alles - „also gestern im Fernsehen da warn's ja bös', des hat mir manchmal denk ich mir, was hast denn da g'macht? Und gar ned gfall'n, des san ja gor ned Sie". Sie hat es mir aber geglaubt. Sie hat es mir so geglaubt, dass ich sie abge- manchmal denk ich mir, nein - das bleibt - ist ok, kann man lassen. Diese Eitelkeit hab ich durchaus. stoßen habe. Das ist letztendlich der Volltreffer, denn ich habe eine Geschichte zu erzählen und nicht mich. Wenn RL: Nachdem wir in der Heimstätte von Helmut Qualtinger ich mich für die Rolle eines kinderschändenden Massen- sitzen, fällt mir ein, dass Sie früher gefragt wurden, seine mörders interessiere, dann habe ich den kinderschänden- Lieder nachzusingen. Wie haben Sie darauf reagiert? den Massenmörder zu spielen und zwar so, dass ihnen CO: Mit vollständiger Ablehnung. Da muss ich sagen, schlecht wird. Das heißt aber auch, dass man in gewissen dass wär für mich so, wie den Herrn Karl spielen. Das ist Dingen keinen vordergründigen Beliebtheitserfolg hat. So ein eigener Solitär, der mit einer ganz bestimmten Phase möchte ich Theater spielen denn letztendlich wird beides der österreichischen Geschichte zu tun hat und wenn man im Gedächtnis bleiben. Oder ein wunderbarer Satz (groß- das nicht so rüberbringt, dass es wirklich weh tut, dann artig für einen Schauspieler), ich komm gerade auf die lässt man es. Das fasse ich es nicht an, weil - warum Bühne durch eine Tür und sie sagt: „kuck du trittst auf, auch? Ich könnte das so nie toppen. Gewisse Dinge tut komm doch einfach mal rein". Aber die volle Reinsenkung man nicht oder tue ich nicht. Warum sollte ich die Eitelkeit in eine Rolle, das ist Andrea Breth um es kurz zu machen. haben, das jetzt auch noch zu machen. Ich möchte gerne RL: Ein Zitat Ihrer Mutter: „Das Burgtheater ist ein Haus, andere Dinge tun. von dem man immer wieder einmal weggehen sollte, damit RL: Da kommen wir nun zur Zukunft. In den letzten 2 Jah- man nicht auf die Idee kommt, man sei ebenso berühmt", ren spielten Sie an der Münchner Staatsoper den „Frosch haben Sie verinnerlicht. Zugunsten des Mel-Brooks-Mu- in der Fledermaus". Welche Neuigkeiten können Sie unse- sicals: „The Producers" wo Sie in der Hauptrolle als Max ren Lesern berichten? Bialystock sowohl im Ronacher als auch im Berliner Ad- CO: Am 17. Juni d. J. ist an der Mailänder Scala die Premie- miralspalast gastierten und der Erfolg gab Ihrer Entschei- re von der Entführung aus dem Serail, wo ich den Bassa dung recht. Nur Erfolg ist kein Dauergast. Hatten Sie keine Selim spielen werde und als weitere Neuigkeit kann ich Existenzängste? verraten, dass die Mailänder Scala ihre erste Fledermaus CO: Ja klar, speziell wenn man „freigeht", gibt's die Ängste bringt und das werden meine Frau und ich inszenieren dürfen. Heuer im Herbst fangen die Proben an. immer. Die Dinge haben sich geändert; bei meinem Groß- vater war es noch die absolute Superhöhe an diesem RL: Haben Sie das Angebot dazu in Italien bekommen und Haus zu sein. Jedoch unser aller Arbeitswelt-Möglichkeit ist das Ihre erste Inszenierung? in diesem Beruf hat sich vollständig geändert. Also warum CO: Das ist meine erste Inszenierung und das Angebot soll ich das noch immer als Höchstes sehen, wenn es das hab ich während der Jedermann-Zeit von Pereira be- nur noch bedingt ist. Nicht weil das Burgtheater schlech- kommen. Das verrückteste Angebot unserer Karriere. Ich glaube ich werde der einzige österreichische Schauspie- ler sein, der es dann zu dem Zeitpunkt geschafft haben wird, auf der Bühne der Scala gespielt zu haben und zu inszenieren. RL: Sie spielen den Frosch? CO: Nein, das werd ich nicht tun, extrem nicht. Weil das muss ein Italiener sein und einer den die Italiener kennen. Aber das Komische ist, dass ich sofort instinktiv gesagt habe, wenn ich mich entscheide zu inszenieren, dann spiel ich's nicht auch noch. Ich will es mit meiner Frau zusammen inszenieren und dann hab ich auf der Bühne nichts verloren. Ich genieße das auch einmal. Lieber Herr Obonya: ich habe das Interview mit Ihnen sehr genossen - dafür möchte ich mich herzlichst bedanken, selbstverständlich auch im Namen unserer Leser. © Renate Lechner