Renate Lechner plaudert mit... Liebe „Augustin-Freunde"! Bei dieser Ausgabe begebe ich mich auf ein Terrain, welches für traditionelle Wienerlied-Liebhaber vielleicht ein wenig gewagt ist - ROLAND NEUWIRTH! Er hat mir mit seiner Musik schon oft die Kummerfalten ums Wienerlied vertrieben. Ein kurzer Überblick vorweg: ROLAND JOSEF LEOPOLD NEUWIRTH, geb. 31. Okto- ber 1950 in Wien. Begann mit 13 Jahren als Autodidakt Gitarre zu spielen, mit 15 erster Popmusikauftritt, mit 16 erste eigene Band. 1974-1978 Studium für Gitarre an der Wiener Musikhochschule (Abschluß für Lehramt). 1978 erste LP und 1983 Gründung der „Neuwirth Extrem Schrammeln". Erhielt beim Schrammelwettbewerb der Stadt Wien 1984 den Sonderpreis. Er ist Genossenschafter der AKM, hat sieben Tonträger herausgegeben und ist seit 1994 stolzer Besitzer des Nestroy-Ringes. RENATE: Du machst Musik in der Besetzung der Ur-Schrammeln. Sie ist aber nicht „heurigenmäßig" steckengeblieben, das heißt Blues-, Funk- und Rock- rhythmen würzen Deine manchmal „frechen" Texte. Wie stehst Du zum traditionellen Wienerlied? ROLAND: Na gut, das ist ja meine Herkunft. Das heißt ja nicht, daß man net d'rauf steht oder es nicht liebt, wenn man es ein bisser weiterentwickelt oder auch woanders hingeht. RENATE: Du meinst, Du hast das Wienerlied weiter- entwickelt? ROLAND: Weiterentwickelt? | find' des falsch. Man kann's nur woanders hinentwickeln. Das Wienerlied hatte spätestens in den dreißiger Jahren seine Hoch- blüte. Da kannst nix mehr drauf machen. Man kann eine eigene, neue Richtung geh'n - man kann ein Pio- nier sein und ich glaub', daß ich das bin. RENATE: Provozierst Du gerne mit Deinen Texten beziehungsweise repräsentiert Dein Aussehen Deinen Lebensstil? ROLAND: Heute schau' ich doch schon relativ normal aus oder? Damals war ich einer der ersten mit lange Haar und Bart. Da habn's mich dementsprechend auf der Straßen offen angegriffen. Heut' bin ich ein Aus- laufmodell, ka Frage. Aber jeder hat das G'sicht, was er verdient. Wie schon der Albert Camus g'sagt hat: „Ab 30 Jahr' bist für dein G'sicht voll verantwortlich - selber!" RENATE: Wie bist Du in jungen Jahren auf's Wiener- lied gekommen, durch Deine Eltern? ROLAND: Ja. Es war nicht meine Idee, ein Schrammel- quartett zu gründen, es war die von meinem Papa. Damals hatte ich eine Identitätskrise, ich hab' mir immer einbild't, ich bin a Neger. | bin zwar „neger", aber net ...! Irgendwann im „Jazzland", wie die Hütt'n wie- der voll war und ich hab' mein selberg'strickten Blues mit englischen Texten g'spielt, hab' ich mir dacht: Na, des kann's doch net sein, des is ja net mei Sprach'. Aber die Idee war von mein' Vater. Der hat mir als kla- nen Buam immer die Nagl Maly vorg'spielt. Neben Gustav Mahler und Satchmo Armstrong. Das hat mich geprägt. RENATE: War Dein Vater musisch? ROLAND: Ja sehr. Er war Bildhauer, Maler. Im bürger- lichen Beruf: Chefrestaurator im Schloß Schönbrunn in der Wagenburg. Er war der letzte, der noch an 12er-Zug einspannen konnte. Er hat Marionetten geschnitzt und hat mir auch die ersten Gitarregriffe beigebracht. Das war ein großartiger Mann mein Vater, ich hab' ihn sehr geliebt. Ein großer Künstler, ein toller Mann. RENATE: Haben Deine Eltern nie erwartet, daß Du einen bürgerlichen Beruf erlernst? ROLAND: Oja. Die hab'n mich 'zwungen dazu! Ich hab' Schriftsetzer gelernt und den Beruf hab' ich auch aus- geübt. I hab' Partezetteln g'setzt, 4 Jahr' lang. Der Nagl Maly ihr'n Partezettel hab' ich g'setzt und den vom Fritz Wolferl a. Es war ein absurder, ein makaberer Beruf, aber es war a lustige G'sellschaft - de Parte- zettelpartie. RENATE: Das heißt, Du hast zwei Berufe erlernt. Wie bist Du an's Konservatorium gekommen? ROLAND: Durch den Hansi Dujmic. Mit dem hab' i g'red't, da war ich noch Schriftsetzer, ich hab' g'sagt: Ich will des jetzt nimmer und er: „Na komm zu uns an die Hochschul'. Aber vor einem Konservatorium, vor einer Hochschul' mußt' Noten können und das konnt' ich nicht. Ich hab' ja wie ein Zigeuner g'spielt. Zwei Monat' hab' i mir amol die Noten einedruckt. Der Dujmic Hansi hat mir Stunden geb'n. Ich hab' jeden Tag 9 Stunden geübt. Dann bin i im Hochsommer, mit'n schwarzen Anzug, so bei 40 Grad im Schatten, in die Wohnung einer Hochschulprofessorin vorspielen gegan- gen. Der Hansi ist daneben gesessen - zitternd mit Schweißhanderin - und sie hat g'mant: „Na, probier'n wir's - aber Sie sind halt schon sehr alt, Herr Neu- wirth!" Weil die sind ja alle mit 16, 17 Jahr' hingekom- men und ich war 23. Hab' ich zu ihr g'sagt: „l bin a Arbeiterkind - was soll i machen? Nachdem's mich aus'bessert hat, mir 'zeigt hat was i verbessern soll, hab' ich an der Hochschul' vorgespielt und dann habn's mich g'nommen. Ich hab' schon als Student unterrich- tet und daneben halbtags als Setzer gearbeitet. Hab' mir den Dreck abg'waschen und bin in die Schule g'fahrn und hab' dort den Herrn Professor g'spielt. Des war arg, des war ein schizophrenes Dasein - daneben hab' ich auch noch g'spielt auf'd Nacht. RENATE: Was? Also Setzer - Professor - Musiker an einem Tag? ROLAND: Ja alles, nur damit ich mit'n Knöd'l durch- komm'. Schau, mein Bruder (Peter) ist Maler, er hat Goldschmied g'lernt, aber den Beruf nicht ausgeübt. Der wollt immer nur Künstler sein und hat natürlich nie was zum Essen g'habt. Und da hab' ich mir g'sagt: „Des mach' i net, entweder schaff' ich's indem ich was verdien' damit, sonst brauch' ich net den großen Künst- ler spiel'n. Und vor allem: Ich muß net des machen, was mir die vorschreib'n. Wenn ich nämlich daneben arbeit' und mein sicheres Einkommen hab', kann ich künstle- risch machen was ich will. Die meisten die glauben, sie können nur von der Kunst leben, sind Sozialfälle RENATE: Auf Deiner letzten CD „Essig und Öl" sind wunderbare Geigenklänge zu hören. Wie ist diese Klangharmonie entstanden? ROLAND: Seit 1978 quäl' ich mich herum mit Geigern. Das ist das erste Tondokument, wo de Geigen so klin- gen wie's g'hörn. Also, a Geigen, de muß scho' wirklich aner gut spiel'n, dann bin i süchtig. Allerdings süchtig auf an bestimmten Strich. Die soll net schneiden, die muß sich „eineraunzen", und das ist mir auf dieser CD gelungen. Aber, daß es soweit kommen ist (nicht nur bei mir!), war nicht nur mein Verdienst. Der Ernst Weber, und der Johnny Parth und sei Frau die Ricky, des san de wichtigsten Leut' für mich. Die hab'n die Roots (Wurzeln) g'setzt. RENATE: Durch Johnny Parth und seine Frau Ricky hast Du auch den Karl Hodina kennengelernt - habt Ihr Euch - musikalisch - verstanden? ROLAND: Haben wir, ja. Der Hodina ist eine der größ- ten Perlen die wir hab'n. RENATE: In welcher Generation würdest Du - musi- kalisch - Deine Freunde finden? ROLAND: In die zwanziger Jahr'. Da hätt' i irrsinnig viel' Freund'. Von da kommen die ganzen ursprüng- lichen, mit Innigkeit komponierenden Leut'. Große Künstler! Sioly - ohne Johann Sioly tät's ja des Wie- nerlied gar net geben. Wiesberg, der die Texte dazu verfaßt hat. Des Wunderkind Wiesberg. Unglaublich, der hat Libretti g'schrieb'n mit 13 Jahr'! Des war'n ja alles keine Volksmusikanten. Des waren immer abgehobenere Leut'. Des war'n immer irgendwelche Spinner, die kei- ner verstanden hat. Der Gruber oder der Sioly, selber wollte er ja klassischer Komponist werden und hat auch Opern g'schrieb'n, solche Leut' war'n des. RENATE: Jetzt geh' ich zur „volkstümlichen Musik". In einem Deiner Lieder kommt ironisch vor: „Karl Moik for Präsident!" Wie stehst Du diesem aufgeputschten Volksmusikboom gegenüber? ROLAND: Wie i dem gegenüber steh'? Heute abgeklär- ter. Des is genau der Schlager, den's nimmermehr gibt, nach dem die einfachen Leut' Sehnsucht haben. Die woll'n keine hochgestochenen Metaphern. ,Ich liebe Dich" - des genügt. Drei Akkorde, des reicht. Wann a vierter kommt, bist schon revolutionär. Also, möglichst kitschige Chöre oder ane, de im Dirndl steckt. RENATE: Du singst auch vom Wein, zum Beispiel „So samma und so bleima", oder ein Lieblingslied von mir, der Uhudler-Dudler", sind Hymnen auf den Wein. Wie beurteilst Du die Weinseligkeit? ROLAND: Ich bin durch mein langes Herumfahren draufkommen, daß dort, wo Flüsse san und a Wein wachst, de Leut' g'mütlich san, daß es dort eine kul- turelle Hochblüte gibt. Der Wein ist sowas von wichtig, des wissen a die Politiker, daß das wirtschaftlich ein unheimlicher Faktor ist. RENATE: Du hast kurz die Politik angesprochen, wie stehst Du zur EU? ROLAND: Ich bin ein feuriger EU-Gegner. Ich hab' Artikel g'schrieb'n usw. Aber es hat nix g'nutzt. Die sind auf diese plumpe Werbung eineg'flog'n. Das Volk ist einfach mißgeleitet worden. RENATE: Joesi Prokopetz hat in einem bunten Billig- blatt gemeint: „Es ist ihm wurscht, ob österreichische Musiker im ORF gespielt werden oder nicht." Eine traurige und sehr bedenkliche Aussage. Wie siehst Du die Vernachlässigung österreichischer Künstler durch die Monopolanstalt ORF? ROLAND: Wer ist Prokopetz? Aber ich hab' sowieso schon an die 1000 Pamphlete unterschrieben, daß die österreichischen Produktionen mehr g'spielt werden müssen. Osterreich ist ja sowieso mit dem ORF des einzige europäische Land, die ka Gesetz hab'n so wie die Franzosen, die müssen 60 % eigene Sachen spiel'n. RENATE: Im Gespräch mit Gerald Pichowetz urteilte dieser nicht sehr freundlich über den Regisseur vom Kaisermühlen-Blues. Wie kamst Du mit ihm zurecht, beziehungsweise wie kamst Du in die Sendung? ROLAND: Durch den Autor, den ich sehr schätze. Ernst Hinterberger mit seiner Frau, die sind ja a Einheit. Ich hätt' soll'n vom ORF und vom Hinterberger aus die Musik schreib'n, aber der Schwabenitzky hat mich außepreßt. Ganz einfach - der wollt' den Arthur Lau- ber, der sei' Freund ist, die Musik machen lassen. Des wär' ja legitim, der kann sagen: „Des paßt ma net." Aber der hat mich Entwürfe machen lassen, der hat mir net g'sagt: „Das ist nicht gut", sondern hinterrücks hab ich's erfahren, daß er mich von Anfang an nie woll'n hat. Das kann er mir net ins G'sicht sag'n? Das ist halt auch Wien, diese Hinterrückspartien. RENATE: Was hältst Du von Auszeichnungen und Ehrungen? ROLAND: 1 hab eh jetzt a Auszeichnung kriegt. I hab' den Nestroy-Ring kriegt. Auf die Auszeichnung bin i sehr stolz. Des hab' i für die satirischen G' schichten kriegt. Net fürs Schmalz und für des Angepaßte. RENATE: Du hast Orchesterwerke, Kammermusiken geschrieben. Du hast Jandl-Gstanzl, Hörspiele unter anderem auch für Barbara Frischmuth vertont. Du gibst mit nichts an, wieso? ROLAND: | halt keine Sachen net für so genial, daß man des so an de große Glocken hängt. Aber wannst glaubst, daß des wichtig ist, dann schreib's. RENATE: Wenn Schauspieler Wienerlieder singen, wie gefällt Dir das? ROLAND. Es gibt Ausnahmen. Es gibt Genies, Persön- lichkeiten: Hans Moser, Qualtinger. Den Qualtinger durfte ich einmal kennenlernen, der hat mir sogar ein großes Kompliment gemacht. Endlich passiert wieder was Leiwands", hat er g'sagt. I hab' vorg'sungen, mit meiner Frau. Der ist total drauf abg'fahrn. I hätt' mit'n Stricker Toni und mit'n Qualtinger a Scheib'n aufneh- men sollen. Ich hab' mich aber nicht drum gekümmert - dann ist er g'storben und es war zu spät. I hab' viele Chancen verpaßt... RENATE: Genießt Du den Publikumserfolg? ROLAND: Na klar! Was i gern mach' und wofür i viel- leicht teilweise leb', wann auf der Bühne was Leiwand's passiert. Wenn die Stimmung paßt, wenn der Sound stimmt, dann ist des einfach ein Genuß. Aber des Publi- kum ist immer genauso gut wie man selber ist. Wann die Leut' natürlich drauf san, dann geh' ich aus mir heraus. RENATE: Abschließend, Du arbeitest an einer neuen CD. Wie wird sie heißen und wann kommt sie heraus? ROLAND: „Moment, der Christbam brennt", eine Weih- nachts-CD und im Oktober müßt's eigentlich schon draußen sein. Da hab' ich sehr viel Neues drauf. RENATE: Lieber ROLAND, vielen Dank für das wertvolle Gespräch, welches ich auszugsweise unseren Lesern wiedergebe.