Renate Lechner plaudert mit... Liebe „Augustin-Freunde"! Diesmal kann ich Ihnen einen Künstler präsentieren, dessen Vielseitigkeit und Verdienste so umfangreich sind, daß ich einen kurzen Auszug der wichtigsten Stationen vorweg anführen möchte: Prof. KARL HODINA, 1935 in Wien-Ottakring geboren, Träger des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien für künstlerische Leistungen auf dem Gebiet der Musik und der Malerei. Vizepräsident der Austro-Mechana, Vor- sitzender des Förderungsausschusses für U-Musik, Mitbegründer des Arbeitskreises Kritisches Wienerlied", Autor des Liederbuches „O du lieber Augustin" (eine Sammlung von Wienerliedern aus 3 Jahrhunderten). Weiters u. a. erschienen das Buch: Karl Hodina, ein Maler aus Wien. Als solcher wird Prof. KARL HODINA dem Phantastischen Realismus zugezählt. Er hat im Auftrag der Wiener Arbeiterkammer in Kursen im Annental Kunstgeschichte, Kultur- am kran im Anna kad geschichte, Jazz und Volksmusik unterrichtet. Ich könnte noch weitere bedeutende Abschnitte aufzählen, möchte aber nunmehr den Künstler, der neben all seinem Können auch ein ganz lieber und natürlicher Mensch ist, zu Wort kommen lassen. RENATE: Der liebe Augustin begleitet Dich in mehreren Versionen, sei es in dem von Dir herausgegebenen Lie- derbuch oder aber in einem Deiner bekanntesten Bilder. Was verbindet Dich so intensiv mit dieser Figur? KARL: Der liebe Augustin war ein Volkssänger, der mit dem Dudelsack für die Leute aufgespielt und gesungen hat. Wir machen das gleiche. Wir singen bei den Tischen für die Leute, in der Vorstadt. Er ist eigentlich die musi- kalische Wiener Sagenfigur. Bei dem Bild, das ich ge- malt habe, wollte ich keine Illustrationsfigur darstellen, sondern eben den Wiener schlechthin. Himmelhoch- jauchzend, zu Tode betrübt. Der liebe Augustin ist eigentlich ein Vorstadtchristus, ein Unverstandener. Er fiel in die Pestgrube, war allerdings immunisiert, durch den Alkohol, und hat sich nicht angesteckt, ist nicht dar- an gestorben. Für die Leute war das ein Wunder. Also einer von uns, einer aus unseren Reihen, der faktisch unsterblich ist. RENATE: Bei Deiner Vielseitigkeit und Kreativität zeigt sich auch der Anspruch auf Perfektion. Wie stehst Du dazu? KARL: Perfektion, aber nur im Sinne von Lebendigkeit. Nie im Sinne von Bürokratismus in der Arbeit. Es gibt ganz perfekte Leute, in der Musik wie in der Malerei, die oder deren Arbeiten einem nicht zu Herzen gehen, weil sie über die Sehnsucht so perfekt zu sein, die Lebendig- keit verloren haben. Ich würde sagen, Perfektion muß sich auch manchmal der Spontanität und auch der Naivität unterstellen. RENATE: Es ist bekannt, daß Du jeden Freitag mit Dei- nem langjährigen Musikpartner Eduard REISER, einen der besten Kontragitarristen im Bereich der Wiener Musik, in einem Lokal in Ottakring, dessen Name wohl ein bereits legendäres Lied von Dir führt: „Herrgott aus Sta", musizierst. Siehst Du das als Hobby oder möch- test Du damit Deine Volksnähe zum Ausdruck bringen? KARL: Ich glaube, das Schönste, das man sagen kann ist, wenn die Arbeit zum Hobby wird und umgekehrt. Aber eigentlich mach' ich es, weil ich es notwendig habe - innerlich notwendig. Es ist ein Zwang, diese Volks- musik spielen zu müssen, weil sie ein Stück von mir ist. Es wäre die größte Strafe, wenn ich nicht musizieren dürfte, auch wenn ich umsonst spielen müßte, irgendwo. Also, ich würde es in jedem Fall annehmen, bevor ich überhaupt aufhören müßte. Ich freu' mich, wenn ich jeden Freitag mit dem Edi und für die Gäste musizieren darf. RENATE: Es klingt zwar so, als würde ich Dich tragen: Hattest Du Papa oder Mama lieber - aber wo fühlst Du Dich mehr zu Hause, in der Malerei oder in der Musik? KARL: Also das Lustigere ist jedenfalls das musikalische Arbeiten. Denn ich spiel' ein Lied, kann mich ausschwit- zen, kann mit den Menschen kommunızieren, einen G'spritzten trinken. In der Malerei muß ich sitzen, stun- denlang, in statischer Anstrengung, oft mit der Vorsatz- lupe, um winzige Details zu malen und das Bild dauert, weil ich in der Technik der alten Meister des 17. Jhdts male, sehr, sehr lange. Oft Monate oder Jahre. Diese Arbeit und diese Einsamkeit machen natürlich nicht so viel Spaß wie das Musizieren, aber das Malen selber ist auch für mich eine innere Notwendigkeit, und des- halb mach' ich es. RENATE: Deine Bilder und Deine Musik bringen soviel Gefühl zum Ausdruck. Bist Du immer ein so gefühls- betonter Mensch? KARL: Eigentlich müßten das andere konstatieren. Aber ich glaub', daß ich Gefühl haben muß, sonst hätt' ich keinen „Herrgott aus Sta" schreiben können, ich könnte nicht improvisieren oder Märchen malen, die beseelt sind. Also - wenn man kein Gefühl hat, so wird man wahrscheinlich keine Resonanz finden, bei Menschen, die Gefühl haben. RENATE: Verletzt Dich Kritik? KARL: Ja freilich, weil ich eitel bin, wie jeder Mensch. Aber wenn sie angebracht ist und wenn sie stimmt, dann hat mir der Kritiker geholfen, und ich kann diesen Feh- ler ausbessern. Wenn sie nicht stimmt, naja, ärgert man sich halt. RENATE: Du arbeitest jetzt an einem Projekt, das für Dich eine völlig neue Herausforderung bedeutet. Kannst Du uns etwas darüber erzählen? KARL: Du meinst vielleicht die von mir entworfene Rast- stätte? In Arnwiesen, Gleisdorf. Ein Platz, der so solitar und so schön ist! Wenn man von Wien kommt und in Richtung Graz fährt, ist es auf der linken Seite, etwas auf einer Anhöhe, wunderbar zu sehen. Also - ich hab' diese Raststätte entworfen, sie hat 750 Quadratmeter Baufläche, ist sowohl mit Restaurant, Café, Wohneinheiten, Verkaufsshop's ausgestattet und versucht, meine Rhythmik und meine Ideen dort umzu- setzen. Meine ursprüngliche Überlegung war, wenn ich diese Raststätte mache, dann so, daß ich mich so wohl fühle wie in der Küche meiner Großmutter. daß ich als Musikant mit dem Gastgewerbe immer zu tun hatte, weiß ich, was Gemütlichkeit bedeuten kann und hab' auch dieses Wissen eingesetzt und versucht, diese Gemütlichkeit in meine Architektur, in mein Bauwerk - es ist eigentlich ein Gesamtkunstwerk - mit weben. Ich hab' aber auch Signale gesetzt, mit archi- tektonischen Varianten, nicht da waren. Ich hab' zum Beispiel einen Trinkbrun- nen, der sehr organisch gestaltet ist, gemacht, ins Haus integriert, an der Außenseite in einem offenen Turm, der mit Mosaik ausgestattet ist, mit einem Thema, das ich entworfen habe. Aber man muß ihn sehen, man kann das an sich so nicht beschreiben. RENATE: Wenn man soviel erreicht hat wie Du, welche Ziele setzt man sich noch? KARL: Erstens einmal muß ich dankbar sein, daß ich das überhaupt machen durfte und daß mir mehr ge- glückt ist, als ich mir überhaupt erträumt habe. Für einen 58jährigen Mann, welche Ziele hat man? Gesund bleiben und daß man weiterarbeiten darf. RENATE: Deine Liebe zum Jazz soll nicht unerwähnt bleiben. Auf diesem Gebiet hast Du Dein Können schon mit vielen Größen des Musiklebens unter Beweis ge- stellt. Gibt es einen Künstler, den Du besonders be- wunderst? KARL: Es gibt einen Jazzmusiker, der heißt Charly Parker, der ist leider schon tot und das ist eigentlich im modernen Jazz der wichtigste Mann gewesen. Der hatte sämtliche Nachfolger auf alle seine Figuren verklagen können. RENATE: Schon eingangs habe ich erwähnt, daß Du trotz aller Erfolge ein natürlicher Zeitgenosse geblieben bist. Wo siehst Du Deine Fehler? KARL: Vielleicht ist meine Vielseitigkeit ein Fehler. Ich bin hin- und hergerissen. Ich hab' meine Harmonikas und meine Akkordeons zu Hause aufgestellt, und immer, wenn ich eine kleine Malpause mache, raus geh', seh ich die Harmonika, nehm' sie in die Hand und übe. Dann vergeß' ich unter Umständen, daß ich weiter zu malen habe. Also ich bin schon hin- und hergerissen, das ist ein großer Fehler. Aber ich mein' menschliche Fehler, ja die werd' ich Dir sicher nicht verraten. RENATE: Ein klein wenig möchten wir natürlich auch in Dein Privatleben schauen, würdest Du uns ein bißchen darüber erzählen? KARL: Ja also - ich bin verheiratet, habe vier verhei- ratete Töchter, die jüngste ist 25, die älteste ist 37 Jahre, und 4 Enkelkinder. Nach 56 Jahren kam erstmals ein Enkelsohn zur Welt. Die machen mir sehr, sehr viel Freude. Ich bin ganz glücklich, daß ich in jungen Jahren so feurig war, und daß ich jetzt meine Kinder und Enkel- kinder wirklich noch in geistiger Frische genießen kann. RENATE: Abschließend noch eine Frage „in eigener Sache". Das Wienerlied wird von den Medien recht stief- mütterlich behandelt. Was könnten Deiner Meinung nach die vielen Menschen, denen das Wienerlied am Herzen liegt, noch unternehmen, um den gewünschten Erfolg zu erreichen? KARL: Die Menschen? Die Musiker könnten was unter- nehmen. Der Konsument hat überhaupt keine Verpflich- tung, etwas zu unternehmen, außer einer guten Musik zuzuhören. Es gibt sehr wenig gute Musiker in der Wiener Volksmusik. Wenn man nach Grinzing, Nußdorf oder Stammersdorf schaut, man sieht und hört oft Musiker, die von der Charakteristik her die Musik nicht richtig spielen. Die das Lied zu rasch spielen, manchmal falsch sogar, das hat mit Wiener Volksmusik an sich nichts zu tun. Es gibt aber Gott sei dank noch einen Kern guter Musi- ker und Sänger; nehmen wir Deine Mama (Hermi Lech- ner-Fasching), es gibt den Luksch Rudi, einen traumhaf- ten Mann, es gibt den Richard Czapek, den Horst Chmela u. a., die sich verdient gemacht haben durch viele Kompositionen. Es gibt noch einige gute Leute und gute Sänger. Aber die Wiener Volksmusik reflektiert nicht mehr dieses Geschehen, das sich jetzt abspielt. Diese technologisch- wirtschaftliche Geschwindigkeit, die Amerikanismen, die hier eingeflossen sind, erfordern eine völlig andere Mu- sik. Diese Wienerlieder, die so gegriffen haben, die hatten ihre Wirkung und ihre richtige Reflektion zu einer Zeit, wo es genau gepaßt hat. RENATE: Ich mein' es aber so, daß die Wiener Volks- musik von den Medien völlig abgewürgt wird. Man könnte ja, so wie man die volkstümliche Musik aufge- päppelt hat, auch etwas für's Wienerlied unternehmen. KARL: Die Wiener Volksmusik ist keine „Zur-Zeit"- Musik. Eine „Zur-Zeit"-Musik ist die volkstümliche Musik. Wo man sich in naiver Weise in Bierzelten zu Hunderten unterhält, ohne daß man den Faden ver- liert. Die Wiener Volksmusik ist eine sehr sensible, vielschichtige Musik, wo der Text einen Sinn, einen Inhalt haben sollte. Sie ist viel feiner strukturiert, als die volkstümliche Musik, die jetzt Deutschland und Öster- reich überschwemmt. Die Medien greifen immer nach solchen Musikformen, die große Einschaltquoten bringen und getrauen sich fast nie, eine Musik zu bringen, wo man zuhören muß. Da liegt zum einen der Mangel; zum anderen sind die meisten Rundfunkleute junge Leute, die nicht vom Wienerlied kommen, die ganz andere Sehnsüchte haben und auch andere innere Programme. Die setzen sich für das ein, was sie verstehen. Eines weiß ich, die Wienerlieder sind schwer zu inter- pretieren. Es ist eine problematische Musik von der Seite des Interpreten her, und wenn die nicht perfekt gespielt ist, und wenn nicht ununterbrochen super Kom- positionen kommen, dann hat's wenig Chance bei den heutigen Rundfunkleuten anzukommen. Das beweist ja die Praxis. Qualität, neue Kompositionen, die die Men- schen aufhorchen lassen, das ist wichtig. Nicht die alten wiederkauen. Es wäre doch wunderbar, also jetzt nicht kommerziell gesehen, wären mir fünf Herrgott aus Sta" gelungen, mir ist eben leider nur einer gelungen, und dem Horst Chmela ist leider nur ein „„Bummerl" gelun- gen, also so leicht geht das nicht! Aber da müssen junge Leute, neue Leute, her, die unter Umständen wieder andere Einfälle haben. Wenn das wirklich geschieht, dann muß es wieder Menschen im Rundfunk geben, die und die auch unsere Musik wieder bringen. Das mein' ich. RENATE: Lieber Karl, für unsere Leser und in meinem Namen, möchte ich mich recht herzlich bedanken, daß Du Dir Zeit genommen hast, über das Thema „Wiener- lied" ein so ausführliches Gespräch zu führen.